Getestet: Multicity – Erstes rein elektrisches und stationsunabhängiges Carsharing in Deutschland

Ich habe noch nie in meinem Leben ein Auto besessen. Eher ungewöhnlich für einen 40jährigen vermute ich. Doch damit entspreche ich zunehmend einem neuen Typus von Autonutzern, die entweder erst recht spät (in den Enddreißigern) ein Auto kaufen oder Alternativen wie Carsharing nutzen. Letztes tue ich seit einigen Jahren, denn ich brauche nur selten ein Auto, nutze ansonsten das Rad für kurze Strecken bis 10 Kilometern (manchmal auch länger) oder öffentliche Verkehrsmittel plus die Deutsche Bahn (da hab ich mich „hochgearbeitet“ von einer Bahncard 25 über die 50er auf aktuell eine 100er).

Ich lebe in Berlin, und benötige daher tatsächlich selten ein Auto, und doch ist es manchmal durchaus bequem oder praktisch eins zu haben, z.B. für den Transport von Dingen, einem größeren Einkauf oder wenn man Besuch hat, und mit ihnen eine größere Stadtrundfahrt machen möchte. In solchen Fällen griff ich bis vor wenigen Monaten auf Autos von Flinkster zurück, dem Carsharing-System der Deutschen Bahn. Soweit praktisch, selbst Umzüge habe ich damit in den Abendstunden für wenige Euro absolviert. Zwei große Nachteile haben mich aber stets gestört: 1. Die Nutzung fossiler Brennstoffe, sprich Benzin und 2. die geringe Flexibilität: Das Auto muss stets dort abgestellt werden, wo man es abgeholt hat, an festen Stellen.

Stationsunabhängiges Carsharing

Zunehmend tauchen nun Anbieter auf dem Markt auf, die ein sogenanntes stationsunabhängiges Carsharing anbieten, d.h. das Auto kann irgendwo ausgeliehen werden (wo man es halt gerade findet) und nach Benutzung auch wieder irgendwo, wo es legal ist, abgestellt werden. Super praktisch, gerade wenn man eben nur von A nach B muss, und nicht anschließend gleich wieder zurück nach A. Beispiel: Ich transportiere etwas von Prenzlauer Berg nach Kreuzberg, gehe anschließend dort aber mit einem Freund etwas trinken und fahre mit der U-Bahn heim.

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Multicity: Erstes rein elektrisches Carsharing

Nach Car2go (von Mercedes) und Drive now (von BMW) ist Citroen mit „Multicity“ seit gut einem Jahr (bislang ausschließlich) in Berlin am Start, und da sie eine Kooperation mit Flinkster haben, bekam ich ein Fahrtguthaben geschenkt, war außerdem damit automatisch Multicity-Kunde. Im Unterschied zu den beiden erst genannten Carsharing-Anbietern ist Multicity ein rein elektronisches Carsharing, sprich ihr fahrt immer ein Citroen C Zero Elektroauto.

In den letzten Monaten habe ich Multicity intensiv ausprobiert und habe neben einigen wenigen kleinen Ärgernissen, die aber vermutlich der Anfangsphase geschuldet sind (das ganze läuft ja noch unter dem Schlagwort „Pilotprojekt“), habe ich viele gute Erfahrungen gemacht, und nutze Multicity inzwischen ausschließlich (statt Flinkster).

Wie funktioniert Multicity?

Zunächst mal muss man Kunde werden und eine Anmeldegebühr von 9,90 Euro entrichten, bekommt dafür aber immerhin 30 Minuten Fahrguthaben. Man bekommt eine Karte und es kann losgehen. Du hast zwei Möglichkeiten, ein Auto auszuleihen: Spontan, wenn du eines der 350 im Berliner Stadtgebiet entdeckst, was durchaus häufig der Fall ist: Karte an den Sensor an der Windschutzscheibe halten, und das Auto springt auf, im Handschuhfach findest du den Schlüssel. Möglichkeit 2: Du reservierst dir den einen Wagen per Internet oder iPhone-App oder Android App – hier kannst du sehen, wo die Autos stehen, und ganz wichtig wenn du längere Strecken fährst: Wie viel Ladevolumen sie noch haben (in Prozent). Du hast dann 15 Minuten das „Vorrecht“ auf den Wagen. Schaffst du es nicht rechtzeitig kann es sein, dass dir jemand den Wagen wegschnappt (umgekehrt kann es eben auch mal sein, dass du den Wagen nicht öffnen kannst, weil ihn schon jemand reserviert hat). Du kannst ihn allerdings auch erneut reservieren nach Ablauf der 15 Minuten. Ist deine Fahrt beendet, steckst du den Schlüssel wieder ins Handschuhfach (in einen speziellen Halter dafür) und schließt den Wagen wieder mit deiner Kundenkarte von außen. It’s that easy. Praktisch: Hast du ein iPhone mit der Multicity-App bekommst du kurz darauf den angefallenen Fahrtpreis mitgeteilt.

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Was kostet der Spaß?

Nun wird minutenweise berechnet: 28 Cent pro Minute kostet der Spaß. Das klingt für viele zunächst mal ganz schön teuer, aber es entspricht ungefähr dem halben Preis einer Taxifahrt. Günstig wird es vor allem, wenn man das Auto länger nutzt, denn der Tagessatz wird bei 39 Euro gedeckelt. In den 39 Euro sind jedoch bereits die „Spritkosten“ abgegolten, und – sehr cool wie ich finde – evtl. anfallende Parkgebühren. Ja, du brauchst keinen Parkschein ziehen, wenn du dich auf einen kostenpflichtigen Parkplatz stellst. Das bezahlt Multicity für dich. Wenn man das alles mal fair rechnet, ist das ein sehr fairer Preis. Auch meine Monatsabrechnung dürfte deutlich geringer sein, als wenn ich mir ein Auto leisten würde: Anschaffungskosten, Inspektionen, Reparaturen, Steuern, Versicherung etc. – legt man das alles auf den Monat um, kommen schnell ein paar Hundert Euro zusammen. In solche Dimensionen stoße ich mit Carsharing niemals vor. Je nach Nutzungstyp kann Carsharing also deutlich günstiger sein als ein Auto zu besitzen.

Außerdem gibt es die Möglichkeit, Minutenpakete zu kaufen, z.B. 500 Minuten für 100 Euro, so dass der Minutenpreis auf 20 Cent sinkt. Für Unternehmen gibt es übrigens weitere Sonderkonditionen. Ich halte das Prinzip Carsharing gerade für kleine Unternehmen für äußerst sinnvoll, z.B. wenn diese nur 1-2 mal pro Woche ihre Waren ausfahren. Ein Auto zu kaufen oder zu leasen ist deutlich teurer auf jeden Fall dann, und mit viel mehr Risiko behaftet. Um Reperaturen, Versicherung, Inspektion etc. braucht man sich nicht kümmern.

Tankt man Ökostrom?

Ein zweischneidiges Schwert. Die Stromzapfsäulen, die man überall in der Stadt findet, sind von RWE. Diese versichern zwar, dass in den Zapfsäulen „grüner Strom“ fließt, aber das ist letztlich doch nur ein Rechenexempel, das man durchaus kritisch betrachten darf. Nur: Was ist die Alternative momentan? Stromanbieter wie Greenpeace Energy, naturstrom, Lichtblick oder EWS Schönau können diese Infrastruktur (noch nicht) stellen, und ohne funktioniert das ganze nun mal nicht. Man muss das ganze als Übergangskompromiss sehen: Wir die Technologie Elektroauto und das System Carsharing in der breiten Bevölkerung genutzt, wird sich sicherlich auch hier noch einiges tun. Ansonsten gilt: Wechsel zu einem echten Ökostromanbieter – ich empfehle naturstrom. Multicity sagt zum Thema folgendes: „Multicity setzt den Autostrom RWE ePower basic zur Ladung an den öffentlich zugänglichen RWE-Ladesäulen ein. Die ausschließliche Beschaffung von Ökostrom zur Einspeisung im Tarif RWE ePower ist von TÜV Süd Industrie Service GmbH zertifiziert und wird regelmäßig überprüft. Der Strom ist aus Wasserkraft und Windenergie erzeugt. Die Erzeugung erfolgt bei der RWE Tochtergesellschaft RWE Innogy AG.“

The good, the bad

Bis auf kleine Schwierigkeiten (Zapfsäule nicht zugänglich wegen Baustelle, Verzögerung bei der Öffnung des Autos wegen eines Funklochs) hat alles bislang reibungslos funktioniert, und ich freue mich, elektrisch zu fahren, wenn ich denn fahren muss (oder ja, auch mal möchte). Hin und wieder ist es einfach enorm praktisch, mal einen Wagen nutzen zu können. In letzter Zeit hab ich das vor allem gemacht, wenn Besuch da war. Die haben ihr Auto stehen lassen, und wir haben einen Multicity für den ganzen Tag gemietet. Macht bei 4 Leuten einen Zehner pro Person all inclusive. Ansonsten nutze ich es für größere Einkäufe oder auch mal um was Schweres zu transportieren. Manchmal aber auch einfach aus Bequemlichkeit, wenn ich z.B. nach langer Zugfahrt spät abends in Berlin ankomme, um in ein paar Minuten zu Hause sein zu können.

Ich freue mich, dass Citroen den mutigen Schritt gewagt hat, ein solches rein elektronisches Carsharing in Berlin zu installieren – gerade weil Citroen als Autohersteller doch ein berechtigtes Interesse daran haben sollte, dass möglichst viele Menschen sich ein eigenes Auto kaufen. Doch offenbar hat man die Zeichen der Zeit dort erkannt. Im nächsten Jahr soll es sogar noch mal 150 weitere Autos in Berlin geben, dann insgesamt 500. Außerdem kann man die Autos in immer mehr Stadtbezirken abstellen – am Anfang war es der innere S-Bahn-Ring, das hat man längst ausgeweitet. Praktisch ist auf jeden Fall die zugehörige iPhone-App, auch wenn die sicher noch Verbesserungspotenzial hat.

Ich werde das Multicity Carsharing weiter nutzen und berichten.

Gutschein-Code

Wer beim Anmelden den Gutscheincode „Lakufu52“ verwendet, bekommt übrigens die Registrierungsgebühr geschenkt und 60 Freiminuten, was einer Ersparnis von 26 Euro entspricht. Hier geht es zur Anmeldung.

2 Gedanken zu “Getestet: Multicity – Erstes rein elektrisches und stationsunabhängiges Carsharing in Deutschland

  1. Sascha schreibt:

    Ich bin echt ein Fan von solchen Carsharing Modellen. In Hamburg nutze ich z.B. Car2Go, weil die viele Farhzeuge haben und man immer eines davon in seiner Nähe hat. Gerade in Großstädten kann man so auch ohne eigenes Auto sehr mobil sein.

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